12.Tag

Heute war bin ich den ganzen Tag auf der Nursery gewesen. Ich wollte hier jetzt gleich mal ein paar Tage am Stück bleiben, da kann man sich mit den aktuellen Schichten bisschen einspielen und kommt besser rein, als ständig zwischen den Kinderstationen zu hopsen. 

Die zuständige Ärztin, die ich heute zum ersten Mal kennenlernen durfte, hat mir einfach direkt einen Bereich für die Visite zugeteilt. Ganz alleine hab ich das jetzt noch nie gemacht, wollte mich aber unbedingt der Aufgabe stellen. 

Dadurch, dass ich kein Chechewa kann, musste ich mehr auf meine Untersuchung wert legen. Für die ganz wichtigen Fragen, hab ich mir jemand zum Übersetzen gesucht. Nach dem ersten Baby hab ich das kurz besprochen, sie meinte es fehle noch mein Gesmteindruck, die weitere Vorgehensweise und die Anordnungen. 

Puh, dafür dass ich das nicht jeden Tag mache und jetzt noch nicht direkt -haha- Kinderarzt bin, kam ich da etwas ins Straucheln aber als sie mir sagte, das wird nachher in der Übergabe nochmal besprochen, war ich beruhigt und habe mich mutig an das Procedere gemacht. Ich hatte echt alles, von künstlichem  Darmausgang, bis Ateminsuffizient mit CPAP, ein Atemunterstüzungssystem, zu Hüftabszess und Augenentzündung. 

Die Übergabe wurde jedoch nicht – wie gedacht – gegengecheckt, sondern sie ließ sich von mir die Visite berichten und zeichnete es ab. Das war krass. Hätte ich nicht schon so viel Patientenerfahrung hätte ich bestimmt manches auch noch nicht einschätzen können. Nach der Anus OP mit künstlichem Ausgang hab ich auch gefragt, wie man die Durchgängigkeit prüft und ihr das dann weitergegeben, was mir dazu gesagt wurde. Mir wäre es lieber, wenn mehr nochmal gecheckt werden würde. Ich habe oft das Gefühl, die Clinitions, die die Hauptarbeit machen, sind nicht so gut geschult. Aber echte Ärzte – auch wennschon die Clinitions meistens als solche bezeichnet werden -sind rar. Es gibt wohl nur zwei für alle Kinderstationen zusammen. 

Meine Vorschläge wurden fast alle umgesetzt, eine Mikrobiologie von Gelenkpunktat wird aber nicht gemacht, das Warnsignal klar, dass ich mich mit dem Vorschlag aus dem Fenster lehnen würde. Stattdessen wurde, ratet mal, natürlich geröntgt. 

Dann wollte mich noch einer auf Knistergeräusche der Lunge eines kritischen Kindes hinweisen. Nebenan lag ein anderes Kind, welches während ich nebenan abhörte plötzlich reanimationspflichtig wurde. Ich blieb stehen und beobachtete, wie sie vorgingen. Nach den aktuellen Leitlinien wäre ich anders vorgegangen, konnte aber mit der Behandlung mitgehen. Wie genau ich dazu kam weiß ich schon gar nicht mehr genau, aber plötzlich hatte ich Handschuhe an und beamtete das Kind. Bei mir war der Herzschlag kräftig aber die Atmung sistierte komplett. Wie neulich erst in der Rettungsdienst Fortbildung mit Kinderreanimation, versuchte ich so kompetent wie möglich, die Maßnahmen fortzuführen. Nach einer Zeit atmete das Kind wieder. Ich wollte es assistiert weiter beatmen bis es suffizient atmete, aber das verstanden sie vor Ort nicht und rissen mir die Skale weg und meinten Sauerstoff reicht. 

Kurz später durfte ich erneut beatmen. Diesmal blieb ich eisern und wollte unbedingt meinem Bauchgefühl folgen. Die Atmung setzte wieder ein. Ich hatte einfach das Gefühl, das Kind atmet insuffizient und braucht noch Support, aber irgendwie gab es keinen. 

Mir wurde gesagt, ich soll es einfach lassen und das passt dann schon mit nur Sauerstoff. Ich drehte schier durch. 

Ich meinte, kann das Kind nicht einfach auf die Intensive Care, da kann man ja auch zur Not intubierten oder maschinell unterstützen. Sie meinte, ach ja ok dann machen wir das. Wo ist das denn und ich nur what. Das war eine Frage von mir, wo das ist und jetzt weißt du nicht mal, ob ihr das habt und wo? Ich war total panisch. Dann meinte ich, ruf doch einfach mal einem Arzt an, also einen richtigen und kläre das ab. Sie meinte, von so jemand hätte sie keine Telefonnummer. Ich konnte auch nichts tun, denn ich beatmete weiter.

Insgesamt ging das 1,5 Stunden, das Baby animieren und stimulieren, damit es atmete. Phasenweise auch komplett beatmen. Ich war nach der langen Zeit k.o. Weil auch niemand mehr helfen wollte, als die Beatmung einzustellen. Ich war traurig, dass das das einzige Management war. Das Kind war nicht todkrank, es kämpfte und hätte nur Support gebraucht. Aber keiner war fähig und alle meinten im Hintergrund, ich sei eh nicht abzubekommen das weiterzumachen. Ich fand zurecht. Nach 2.5 Stunden bei 40 Grad unter einer Wärmelampe war ich total fertig und das Kind atmete selber dauerhaft. Ich traute mich nicht weg zugehen, hatte das Gefühl keiner würde sich drum kümmern. Ich schreib meinen anderen Studenten, eine kam sofort und half mir. 

Das Kind blieb stabil, wir instruierten die Mutter das Kind zu stimulieren.

Das einzige, was sie gemacht haben, war genervt der Mutter zu erklären was gerade passiert und wie die Aussichten sind. Sie haben das Kainsmal schon aufgegeben. Mir sagten sie nach 20 min Reanimation wird es eingestellt. Diese war jedoch maximal 10 sec, die ganze lange Zeit war Beatmung, das Herz setzte zu keiner Zeit mehr aus. Alleine das nicht zu differenzieren war einfach falsch. Auch meiner Kommilitonin erkären sie, dass ich nicht abzubekommen war weiter zu machen. Sie verstanden es nicht, warum ich das tat. 

Aber danach kam sie auf mich zu und meinte, Hammer Arbeit – das Kind lebt. 

Ich war tief traurig, komplett fertig und den Tränen nah. Ich hatte echt gekämpft aber ohne eine Hilfe und wusste, wie es hier also abgeht. 

Dann kam eine Schwester, die ich noch gar nicht kannte und meinte sie bräuchte von mir dringend Hilfe. Jetzt war ich plötzlich gefragt, obwohl ich echt nicht die super Skills drauf habe, scheint es hier zu reichen, um zu imponieren. 

Während ich einem Frühchen einen Zugang etablieren sollte, waren die anderen auf den anderen Abteilungen der Neugeborenen Station verteilt. 

Als ich zurück kam, ging es meinem Kind immer noch gut. Ich war beruhigt. 

Ich fragte, was sie anderen gerade tun und sie meinten in der Zeit sei jemand aufgefallen dass ein anderes Kind keinen Herzschlag mehr hatte, es sei tot. Ich war schon zerstört, in meinen Kopf kam direkt, dass sie wahrscheinlich nichts gemacht haben, als sie das bemerkt haben. Ich merkte an diesem Tag schmerzhaft, wie es hier läuft. 

Bevor ich hier her gekommen bin, habe ich genau so ein Szenario erwartet und mich darauf eingestellt. Es dann tatsächlich zu erleben ist ganz anders!

Man wünscht sich so sehr, etwas zu bewirken wenn man hier ist. Etwas Gutes zu tun, zu helfen, zu unterstützen und Erfahrungen und Wissen zu teilen oder eben bei der Reanimation bessere Skills zu vermitteln. Aber hier machen sie es, wie sie es immer machen, keiner korrigiert, keiner gibt Tipps. Wie bei der Visite wird das. was die Ärzte – also sagen wir halbe Ärzte (mit 3 Jahres Ausbildung) – machen, nicht gegengeprüft. Medizin ist hier auf so einen anderen Niveau, wird so anders aufgebaut und so anders gelebt. Und wie bei dem Fall, gibt es einfach fast nichts. In Deutschland wären 3 Ärzte am intubieren, reanimieren, beatmen, es gäbe Medikamente, Perfusoren und Beatmungsgeräte Man würde alles machen, hier nicht. Hat es unter diesen Bedingungen hier überhaupt Sinn, high Level Medizin zu betreiben? 

Der Tag heute hat viele Gedanken in mir Geweckt, hat mich viel nachdenken lassen, hat mich verstört, Bodenständig gemacht und relativiert. 

Die zuständige Ärztin heute, ich nenne sie einfach mal zwecks ihres Zustämdigkeitsbereiches doch weiterhin so, hat mich weil ich durchgearbeitet habe dann zum Essen mit ihr eingeladen. Sie hatte selbst gekochtes Essen dabei. Es gab Nsima, Bohnen und sowas wie grünes Gemüse. Es gab kein Besteck und sie lachte mich aus, als ich das vermisste, 

Wir aßen zu viert aus einem Teller mit den Händen. Sie machte mir vor wie. Es war echt schwer und ich stellte mich ziemlich doof an. Sie schafften es, dass ihre Hände sehr sauber blieben ohne Soße, während ich aussah wie ein kleines Ferkel. Das war mal echt eine sehr individuelle Erfahrung. Komplett in das Leben der Einheimischen einzutauchen.  Es war eine Ehre, dazu eingeladen worden zu sein. 

Ich musste grinsen, als ich darüber nachdachte, was ich gerade getan hatte. 

Ich war froh die Hände zu waschen und dachte besser nicht nach, wie unhygienisch das gerade mit den Klinkhänden der Einheimischen gewesen sein musste. Oh my God 🤪