25.Tag

Die große Frühbesprechung aller Ärzte fiel heute aus, weil…aufgepasst, der Vortrag nicht fertig war…ahhhhja. Naja dann konnte ich ja direkt auf Station gehen. Dort angekommen assistierte ich erst bei einer Geburt und machte dann mit einem Entbindungpfleger eine gemeinsam. Er wollte, dass ich sie mache und stand mir dabei unterstützend zur Seite. Es war ultimativ toll, so viel Hands on zu machen, und nicht nur zuzuschauen, wie sie es machen. Ich hoffe zurück in Deutschland schütteln nicht alle die Köpfe, wie ich dann arbeite, denn hier kritisiert eigentlich niemand etwas. In Deutschland ist es ja schon relevant, wie du da stehst und wo du deine Hände beim Warten hast. Hier kommt es eher darauf an, dass du deine Skills beherrscht und das Ergebnis grob passt. Ein wie interessiert hier niemand.
Am ersten Tag bei der Einführung habe ich noch gesehen, wie die Frauen vor der Untersuchung desinfiziert wurden, um Infektionen zu vermeiden. Jetzt machte das niemand mehr, ich bin verwirrt. Es hieß, es gibt gerade kein Desi mehr. Heftig. Ich brachte nochmal ein paar Flaschen mit, das Personal stürmte drauf, alle wollten sich endlich mal die Hände desinfizieren – einfach so, als wäre es ein wahnsinns Gewinn das einmalig zu tun. Nicht dass die Patienten davon einen Vorteil hätten aber immerhin hatten die Hebammen einmalig saubere Hände.
Mit denen sie nämlich sonst auch im selben Zimmer essen und untersuchen. Waschen tun sie sie zwar, aber mein Empfinden ist da echt anders.
Als nächstes sollte ich noch eine Frau aufnehmen. Es ist so schwer sie zu untersuchen, ohne ihr sagen zu können bitte flach hinlegen. Oder sie kann mir nicht sagen, ich bekomme eine Wehe, sondern ich merke es erst, wenn ich ihr Gesicht anschaue. Die Frauen hier sind, oder müssen, super taff sein, das ist wirklich Wahnsinn. Richtig krass, wie still sie vor sich hinleiden und alles mitmachen was passiert. Ok, ich würde die Kritik auch nicht verstehen, aber ich sehe ja, wie es hier läuft und bin wirklich erstaunt, wie kraftvoll sie hier sind,
Nach der Geburt hat Max die Plastikfolie unter ihnen weggezogen. Aber sauber machen und anziehen machen die Frauen sofort selbst und stehen direkt auf. Von den Hebammen gibt es nicht mal eine Hand. Wenn ein Bein falsch liegt, wird es einfach manipuliert bis es so ist, wie sie es haben wollen. Das ist mir schon zu wenig patientenorientiert und wenig emphatisch. Hier kräht der Hahn anders.
Naja Nina und ihre Untersuchung 😂. So oft habe ich das auch noch nicht gemacht. Genau einmal und zwar gestern.
Ich sollte einschätzen, ob die Frau natürlich gebären kann und wie weit sie ist.
Ich holte mit ein Backup, der meine Ersteinschätzung überprüfen sollte und mich weiter anleiten konnte.
Haha ja, was ich im ersten Moment als Kopf einschätze war dann doch die Fruchtblase. Fail. Aber das werde ich mir echt merken.Es ist auch eine besondere Erfahrung alles nur mit 2 Fingern anhand Konsistenz, Verschieblichkeit und Form einzuschätzen. Das lernt man in keinem Lehrbuch, sondern man muss üben üben üben und das kann man hier wirklich, bzw. muss es. Und das ist eine gigantische Lernchance. Ich wiederhole mich, wenn ich sage, zu Hause an den Klinken darf man viel zu lange nicht selbst Hand anlegen. Man müsste da viel mehr machen.
Ich merke ja schon, wie unfassbar ich mich innerhalb eines Tages entwickle.
Mein Geburtshelfer war gerade mit einer Totgeburt in Steißlage beschäftigt und meinte, ich solle mal rüber kommen. Er glaube, ich sei soweit und soll schauen, dass ich für eine andere anstehende Geburt vorbereitet bin. Er komme dann wieder oder schicke jemand, wenn ich Hilfe bräuchte.
Haha ja, ich schmiss mir schnell mein Material zurecht und bat eine Schwester mir noch schnell Tücher zu holen. Alles klappte problemlos. Ich versorgte das Baby, stimulierte es zum Atmen, und legte es der Mutter auf dem Bauch, die Plazenta machte etwas Ärger. Ich holte jemand zur Sicherheit her, aber er bestärkte mich nur, dass es so passt. Joa, das war meine erste ganz eigene Geburt, hehe, Hammer krasses Gefühl. Dann suchte ich nach Geburtsverletzungen und lies mir Nähzeug geben. Ich habe noch nie vaginal genäht. Nur zugeschaut. Das war eine Herausforderung, Licht gab es keins. Sterile Verhältnisse auch nicht und die Handschuhe der Station waren fünf Nummern zu groß. Ich brachte zwar immer wieder welche mit, aber das Krankenhaus ist doch größer als mein Koffer.
Ich tat wirklich mein Allerbestes. In der Notaufnahme in Dresden hatte ich schon andere Wunden genäht, deswegen beherrschte ich allgemeine Skills, aber intravaginal ist ne andere Hausnummer, ich kam wirklich ins Schwitzen,
Auf meinen eindringlichen Wunsch schaute nochmal einer mit drüber und ich konnte meine Fragen noch klären. Er zeigte mir auch nochmal paar Handgriffe in ausgefeilter Weise. Das war super cool. Ich erlebte so so so viel. Bestimmt war es nicht annähernd perfekt, aber absolut gut und ausreichend und ich schätze ich entwickle mich so echt schnell.
Ich bin wissbegierig und aktiv und möchte so gerne anpacken, helfen, mich einbringen. Ich bin froh wenn wir manchmal durch Handschuhe oder Desinfektion wenigstens einen Schwung an Patienten etwas besser versorgen können.
Ich war stolz so mutig gewesen zu sein und stand im Geburtenbuch zum ersten Mal in meinem Leben als Verantwortliche.
Haha die Oma des Kindes kam ganz stolz, dass ihre Tochter durch eine Weise gebären konnte. Sie strahlte über beide Ohren, ich war total perplex. Hatte ja lang nicht die Expertise und Erfahrung, Nur Uniwissen und medizinische und hygienische Standarts, die die Patienten bestimmt nicht einschätzen können. Trotzdem beeindruckend.

Mittag war ziemlich provisorisch heute. Als ich zurück kam hörte ich wunderschöne Musik. Ich hielt kurz inne und dachte, ob vielleicht jemand gestoben sei und das eine Art Mahnmal war? Haha nein, ich machte den Vorhang, der eine Art Zimmer, naja, Saalunterteilung darstellte, weg und sah, dass lediglich das Personal trällerte. Aber wie schön – einfach so, weil sie Spaß dran hatten. Ungelogen ich habe noch nie in meinem Leben jemand so unfassbar schön singen hören. Ich war so so impressed, dass ich sprachlos war. Es war berauschend. Und das im Krankenhaus. Mitten zwischen gebärenden Leuten, Aufnahmen, Papierstapeln und Müll.

Wenn mal Material, das verwendet wurde, auf dem Boden gelandet ist, wird es einfach in einem Eimer mit Chlor geworfen, getrocknet, an die dreckige Wand gehangen und wiederverwendet.
Bin ja schon erstaunt, dass es doch Einmalprodukte gibt – selten – aber es gibt sie.

Auf dem Weg zur Neugeborenenstation saßen mitten auf dem Gang Leute in Arbeitskleidung, mein erster Gedanke, ein Notfall, eine Reanimation vielleicht? Ja wieder haha, die schweißten im laufendem Betrieb – mitten zwischen Patienten – etwas am Boden. Nix Notfall. Das hätte man sich echt denken können, aber manchmal fällt man halt doch noch in alte Muster.


Neulich sagte ich zu Anna auf der Pädiatrie, du schau mal ob die Wage noch geht. Zur Verteidigung – Anna ist erst seit einer Woche da. Sie so, hä warum sollten die denn hier eine kaputte Wage haben? In dem Moment, als sie es sagte, mussten wir beide schallend loslachen. Eigentlich eine heftige Ironie. Man ist hier besser dran, wenn man überrascht ist, das etwas geht. Es ist absolut nicht übertrieben, absolut kein Witz. Das muss man erst Mal erleben!

Zum Abendessen gab es Müsli. Das war heute kulinarisch ein trauriger Tag. Müsli zum Morgen und zum Abend, mittags zwei weiße Brötchen und immerhin eine Papaya. Wenn dann kein Strom da ist und somit kochen wegen der Elektroplatte ausfällt, man auch keinen kalten Reis mit Bohnen will, man um fünf Uhr abends im Dunkeln nicht nochmal in die Stadt laufen will, dann wird es kulinarisch unkreativ.
Lasagne wo bist du?????
Ich freue mich so auf leckeres und abwechslungsreichem Essen, so sehr!