Ausflug nach Capemaclear.
Heute ist Wochenende und es ist mal wieder Zeit, etwas von Leben hier mitzubekommen.
Früh am Morgen stellten wir uns an die Straße und holten uns – schon total geübt – ein Minibus ran. Nach dem üblichem Handeln nahm er uns mit. Die Leute im Bus sagten Muli bwanschi, was so viel heißt wie Wie gehts? Als ich dann auf Chechewa sagte Kaya inu? Und euch? Ist der ganze Bus ausgetickt vor Lachen, Aufjohlen und Freude, das war so eine süße Erfahrung. 5 Floskeln kann ich ja schon, die kommen wohl unglaublich spitze an. Kann man froh sein, dass es meist das selbe ist 😜
Reissäcke unter uns, Körbe auf uns, fremde Arme, Beine und Zuckerwurzel schmatzende Leute neben einem, ist ja schon fast normal, nach der wiederholten Erfahrung der Minibusse. Auch wenn ich immer wieder erstaunt bin, wie viele da noch reingestapelt werden können.
Irgendwann sollten wir umsteigen, er machte irgendwelche Gesten und Johanna und ich waren etwas lost, wo wir jetzt hinzugehen hatten. Natürlich kamen tausende Leute auf uns zu, die uns in ihrem Bus haben wollten. Da wir ja aber schon für die ganze Strecke gezahlt hatten, war es schon relevant in den dafür vorgesehen einzusteigen. Wir suchten ein bekanntes Gesicht aus dem Bus und wurden tatsächlich zum richtigen begleitet.
Auch hier knallern die Knie gegen die Rückbank, Wir schwitzen im Shirt bei offenen Fenstern bei Fahrtwind und der brechenden Hitze. Aber neben einem saßen Menschen mit Daunenjacke oder manche mit Wunterbommelmütze. Das ist hier eh ein Phänomen, das mich staunen lässt. Hier ist es ja im Winter für uns super warm und die Leute tragen echt bei 35 Grad eine Bommelmütze. Ich bin dem Spuck noch nicht ganz auf die Schliche gekommen 😂
Ja dann stiegen halt leider alle aus und wir fühlten uns etwas komisch. Alleine im Bus ist maximal suspekt….wir schauten auf Google Maps, ob wenigstens die Richtung stimmten und vertrauten dem Fahrer.
Wir hielten irgendwo im Nirgendwo und er füllte das Auto mit einer Schulklasse oder ähnlichem und meinte wir müssen nun mit dem Auto weiter. Es bringe uns einer hin, das war so super krass, aufregend, gruselig, und absolut fremd. Wir liefen an den Ständen der Straße, den Grillständen, den verbrennenden Sachen, tummelnden Menschen vielen parkenden Autos vorbei bis wir an dem für uns vorgesehenem ankamen. Es stank so sehr, dass ich ständig husten musste und nach Luft japsen musste. Außerdem wurden wir sooooo extrem angestarrt. Ich hätte mich bei anderen Umständen auch nicht dazu entschieden hier auszusteigen. Ich bin als jemand, der aber auch noch nie weit weg war, einfach super vorsichtig, sehr skeptisch und extrem misstrauisch. Ich lerne hier aber sehr, dass man den Leuten vertrauen muss, dass es anders nicht geht. Man wird unheimlich positiv überrascht, wie manche sich um einen sorgen, oder wie wir z.B. von Bus zu Bus zu Auto gereicht werden und alle darauf achten, dass wir an den richtigen Ort kommen.
Ich lachte und dachte, das sei ein Witz, als ich unser Auto sah.
Ich atmete ein und wir quetschten uns dazu.
Ich saß vorne links, ein anderer saß zu 50% auf meinem Sitz zu 50% auf dem des Fahrers, also auch sein Bein bei ihm. Johanna saß direkt hinter mir, jedoch nicht wie üblich drei in einer Reihe, sondern 4 und einer oben drauf klammerte sich an der Kopfstütze fest, dazu natürlich noch jede Menge Gepäck.
Genau so fährt man durch Polizeikontrollen, es gibt keine Gurte, die Autos sind brechend überfüllt. Das hier total normal. Das ist so unendlich verrückt. Man glaubt, man erlebt es hier nicht wirklich. Alles was ich nie wollte, macht man hier und es ist normal. Und es würde hier nicht anders gehen. Man würde sich sonst nicht fortbewegen können. Auch bei dem Essen, man kann vor Angst vor einer Lebensmittelvegiftung ja nicht nichts essen.
Also verbuchte ich das unter einmalige Erfahrung in meinem Leben und freue mich über alle Momente die mich bereichern oder Eindrücke, die ich sammeln darf und was für ein anderes Leben ich hier kennenlerne.
Unterwegs kam uns eine Hochzeitsgruppe entgegen auf einer Ladefläche stehend das Brautpaar tanzend während der Fahrt. So unglaublich. So unfassbar, das zu sehen 😇
Dann meinte der Fahrer der bis Monkey Bay fuhr, er könne uns auch weiter nach Capemaclear bringen. Vier Stunden waren schon hinter uns, ne knappe halbe fehlte noch. Aber er wollte etwa das 35-fache des üblichen Preises, sodass sogar der Einheimische neben mir mich warnte und meinte, mach das auf keinen Fall.
Er ließ tatsächlich auch überhaupt nicht mit sich handeln, sodass wir ausstiegen.
Angekommen, gleich wieder überrannt, versuchten wir erstmal kurz klarzukommen und hielten Ausschau nach einem freien Auto. Gab es aber keins. Die Leute wollte uns alle mitnehmen aber nicht by car, sondern mit einer Methode die ich zu 100% hier im Vorhinein abgelehnt hatte, mit dem Motorrad.
Sie handelten irre und wir lehnten ab. Aber, sie hatten Recht damit, dass wir wahrscheinlich noch Stunden warten würden, bis ein Auto kommt und hinfährt wo wir hinwollen, denn ab hier gehts nur noch über Sandpiste weiter. Wir waren überfordert von der super bequemen und überhaupt nicht aufregenden Fahrt bis hierher und entschieden uns über unseren Schatten zu springen. Sie handelten anstrengend aggressiv und wir fühlten uns genervt und bedrängt. Wir schafften zwar nicht den erörterten fairen Preis, das war uns dann aber auch egal und wollten eigens zwei Motorräder mit unseren Rucksäcken und nicht auch noch zusammen auf eins,
Die Auserwählten zogen mit uns weg und die anderen waren deprimiert, ein Geschäft verpasst zu haben.
Wir mahnten sie eindrücklich vorsichtig zu fahren und ich war so unendlich positiv überrascht, wie sicher, langsam und umsichtig Justin mein Fahrer fuhr.
Ich kam super nett mit ihm ins Gespräch, fragte ihn über seinen Eindruck von uns in seinem Land aus, erzählte ihm etwas warum wir da sind, dass wir im Krankenhaus arbeiten und wir ehrenamtlich aus Deutschland angereist sind. Er zeigte mir die Krankenstation vor Ort, erklärte mir etwas zur Geschichte der Stadt, zu sich, wie er hier aufgewachsen ist und beantwortete mir viele Fragen zur Destination.
Einmal hielten wir kurz an und machten ein Selfie. Am Ende fuhren wir mitten zwischen Wellblechhäusern und Holzhütten durch den Sand, in einer Geschwindigkeit, dass man gehen konnte. Eine abgefahrene Route, einmalig aber wirklich angenehm vorsichtig. Mehr als alles andere bisher.
Als wir ankamen gab er mir seine Nummer, falls wir nochmal wohin wollen oder er uns noch was vom Land zeigen solle. Alle sehr freundlich und zuvorkommend. Ich war geflasht. Sehr positiv gestimmt und etwas high von den ganzen gigantischen und einmaligen Erfahrungen.
Es war schon super anstrengend, das viele Neue, die vielen Menschenmassen, das ständige Handeln, dann angestarrt werden, es ist hier schon abgefahren.
Aber dann betraten wir erstmal das Paradies. Ungelogen – wir standen an der Lodge und blickten direkt auf den Malawisee. Einfach wahnsinnig schön, unendlich besonders und der maximalste Kontrast zu Ruß, Dreck, Müll, Gestank, Armut.
Wir standen vor dem Meer, Liegestühle auf der Veranda, Boote, Sonne, ein Traum.
Wir wollten erstmal den Sand spüren und feierten diesen paradiesischen Anblick.
Keine drei Sekunden später wurden wir belagert und belabert. Es ist wohl mit der touristischste Ort in Malawi und gerade keine Tourizeit. Deswegen springen sie auf dich wie Affen und lassen dich echt keine Sekunde in Ruhe. Das war so nervig und echt schade.
Wir wollten tatsächlich am nächsten Tag einmal mit dem Boot zur Insel mit rüber fahren, aber das fair zu gestalten war nicht leicht. Sie machten ein Aufriss, unglaublich. Als Weißer gilt man hier automatisch als reich und soll zahlen soll und quasi jeden unterstützen. Mit unserem Projekt im Krankenhaus geben wir hier viel von dem, was wir können. Finanziell ist es nervig, ständig abwimmeln zu müssen und sich die Leidensgeschichten anzuhören. Kinder, Erwachsenen alle betteln dich an.
Ja, in ihren Augen ist man reich, aber sie stellen sich Deutschland auch als Geldoase vor und das macht es hier häufig schwer.
Wenn dann eine Jugend Gruppe vor dir steht und dir auf Ölkisten und mit Treibgut gebauten Instrumenten was vorspielen will ist das so süß, aber gibt man denen was, oder lieber dem der für die ganze Familie das Geld verdienen möchte und dir ein Lagerfeuer und Trommelunterricht anbietet, investiert man in den einheimischen Schneider oder den Fischer. Oder sagt man zu allen nein, dass man fair bleibt.
Wem hilft man, wem nicht. Das ist auch nicht anders, wie im Krankenhaus, wenn man keine Mittel hat, das Baby zu reanimieren. Hier kommt man emotional und sozial oft an seine Grenzen, es zerbricht manchmal einem das Herz, und man ist ratlos und verunsichert wie man sich verhalten soll.
Auch wenn wir uns nach einer wieder unendlich anstrengenden Woche etwas erholen wollten und mal durchschnaufen wollten, ist auch hier wieder viel was durchdacht, abgewägt und ausprobiert werden muss.
Und es ist ein Paradies aber auch dieses kein traumhaftes sondern ein sehr echtes, indem man selten man einen Moment wirklich seine Ruhe hat.
Wir waren froh uns mal etwas zurückzuziehen.
Am Abend gab es zwecks Solaranlagen Strom und Licht und ein sehr günstiges warmes Essen mit gedecktem Tisch. Ich weiß nicht, wann ich mal glücklicher war, da tat so so so so so unfassbar megamässig gut. Für hier ein Luxus und absolut nicht selbstverständlich. Eine Rarität und sogar eine Toilette nur für uns.
Keine 10 anderen Leute die vor einem dran wollen, keine absolute Finsternis ab 18 Uhr, kein trockener Toast zum Abendbrot, nicht mal eine Kakalake heute. Wie unterschiedlich es hier nur sein kann. Auch wenn wir es nur einen Atemzug schnuppern dürfen.
Ich versuche es vollkommen zu genießen und den Struggle drumrum etwas auszublenden.





