Heute bin ich super früh aufgestanden, mit dickem Pulli wurde draußen gefrühstückt. Dann ging es in die Klinik zur Frühbesprechung heute in der Chirurgie. Die Assistenten der Ärzte oder der Clinicians die quasi nur eine drei Jahres Ausbildung haben, was bei uns vielleicht so PJler sind stellen der Ärztin, was bei uns Ober-oder Chefarzt sind, die Fälle des letzten Tages und der Nacht vor.
Wie schon erwähnt sprechen die Einheimischen ihr Englisch chichewisch aus, was ein Verständnis echt schwer macht. Zudem trauen sie sich kaum etwas zu sagen und werden ständig aufgefordert in die Menge zu sprechen, damit man sie wenigstens etwas versteht 😅
Dann gehts ab in den OP, ach ja die grüne OP Kleidung wurde natürlich schon zu Hause angezogen. Dann werden die Schuhe gewechselt, die Haube aus Deutschland importiert angezogen und der OP betreten. Ich war baff, es war einfach unglaublich, absolut unbeschreiblich. Der OP glich einem unfassbar dreckigem Ort mit extrem herunter gekommenen Inventar. Es gab zwar einzelne moderne Gerätschaften, wie in einem OP ein C-Bogen für intraoperatives Röntgen, jedoch relativierte dies nicht annähernd die Erscheinung dieser Räume. Es gibt keine wirkliche Schleuse in der auf Hygiene geachtet wird. Die Türen der Räume kann man wegen Defekten nicht mehr richtig schließen. Die Operateure haben widerverwendbare Kleidung an oder auch mal statt OP Haube eine Plastiktüte über den Kopf gebunden. Etwas lost habe ich mich einfach einem OP Raum zugewandt und wurde auch sehr herzlich aufgenommen. Mein Namen mögen sie sehr, da er so einfach für sie ist, anscheinend fällt es ihnen sonst schwer ausländische Namen auszusprechen.
Der Patient liegt schon auf dem Tisch, er wird weder fixiert noch liegt er auf einer sauberen Unterlage. Er liegt auf einem Tuch und etwas Plastikfolie, zugedeckt ebenfalls von einem Laken. Als ihn jemand aufdeckt, hätte man durch den Anblick auch mal kurz einen Schock bekommen können, er hatte einen Skrotalabszess der etwa so groß wie eine Wassermelone war. Teilweise schon eröffnet.
Über ihren Kasack ziehen sie – jetzt kommt es – eine Metzgerschürze, keinen sterilen Kittel, die Arme sind also nackt. An den Füßen tragen sie Gummistiefel.
Wenn ich sehe, wie sie arbeiten ist das auch deutlich hygienischer als OP-Clocks.
Der Abszess wird eröffnet, der Patient ist dabei wach und es wird auch nicht abgedeckt, nicht mal eine OP oder Sichtabdeckung. Der Operateur fragt mich, was wir da sehen. Nach viel Gewebeentfernung konnte der Hoden freigelegt werden. Er strecke ein etwa 20cm großes Stück Gewebe in die Luft und meinte hier ein Geschenk. Haha Joke, war alles etwas makaber.
Er fragte wie häufig sowas in Deutschland ist. Ich meinte in diesem Ausmaß wahrscheinlich nie oder extrem selten. Er war überrascht und meinte bei ihm sei dies absoluter Alltag.
Die Wunde wurde mit etwas Verbandartigem zugebunden, operativ verschließen konnte er es anscheinend wegen der Schwellung nicht.
Ab und zu rutschte er ab oder sie spritzten sich gegenseitig etwas an, da schauten sie etwas schockiert und meinten dann upsi. Ich war ziemlich ehrfürchtig davor, da so ein Großteil der Bevölkerung auch HIV hat. Wie banal mit der Hygiene umgegangen wird.
Dann im zweiten OP wurde eine Sectio (Kaiserschnitt) durchgeführt.
Die Operateure waschen sich einen Augenblick mit Wasser und Seife, Desinfektionsmittel wird keines genutzt.
Bei der Spinalen fällt mal eben die Nadel runter, wird aber einfach trotzdem verwendet.
Hier wurde sogar das OP Feld mit autoklavierten Tüchern abgedeckt, die jedoch beim auslegen ohne Ende staubten. Sogar OP Kittel wurden getragen.
Als das unterentwickelte Kind geborgen wurde, brachte es eine Bedienstete direkt in einen Nebenraum. Dies war einfach ein anderer OP mit laufender Operation, wo in einer Ecke ein Wärmebett stand, dieses war aber kalt.
Das neugeborene Kind war schlaff und atmete nicht. Das Kind wurde zwar gerieben und etwas abgetrocknet aber war noch nass und leblos.
Eine holländische Ärztin, die auch gerade da ist und ich stürmten hin, wir etablierten eine Beatmung, sowie Wärme und Sauerstoff. Die Maske die uns gegeben wurde war viel zu groß, die beatmete eher den Bauch als die Lungen. Auch die Wärme konnte nicht angepasst werden, der Sauerstoffvernebler war kaputt. Wären wir nicht eingeschritten, hätte das Kind jetzt nicht überlebt. Die Ärztin musste zur Op und ich machte weiter.
Jedoch nahm sie mir die Beatmungsmaske ab und warf sie schon wieder in einen Desi-Eimer, dabei atmete das Kind lange noch nicht suffizient.
Abgehört wurde es auch nur durch mich, kein anderer hatte ein Stethoskop, Nabelschnurblut, Vitalparameter wie eine Sättigung und Herzfrequenz wurden nicht erhoben. Sowas wie auskultieren, sollte sogar dort möglich sein. Ich improvisierte die Reparatur des O2 Geräts und stopfte etwas Müll an die undichten Stellen, ich hoffte, dass mir das Teil nicht gleich um die Ohren flog und füllte alle Undichtigkeiten. Fürs erste hielt es.
Währenddessen wurde das Kind gefühlt bis in die Brust abgesaugt, etwa brutal und immer wieder.
Ich rubbelte das Kind nochmal ab, es atmete immer noch nicht suffizient. Dann wurde es gewogen und anschließend zu Fuß durch die Zuständige auf Station gebracht. Ich glaubte wirklich nicht, dass das gerade passiert war. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn wir nicht eingeschritten wären. Genauso war ich mit nicht klar darüber, wie die weitere Versorgung wohl ablaufen soll.
Ich war geschockt. Einerseits über die eingeschränkten Möglichkeiten, andererseits über das wenige Wissen und die unzureichenden Fertigkeiten des malawischen Personals. Hier fehlte nicht nur klinisches
Ich war geschockt. Einerseits über die eingeschränkten Möglichkeiten, andererseits über das wenige Wissen und die unzureichenden Fertigkeiten des malawischen Personals. Hier fehlte nicht nur klinisches Wissen und Fertigkeiten sondern auch Notfallmanagement.
Ein absolut kritisches Kind bekommt hier keinen fähigen Kinderarzt, kein Inkubator, keine Erstversorgung. Teilweise wird es auch einfach liegen gelassen. Ob es warm oder kalt ist bemerkt da nicht mal einer.
Es ist wirklich schwer die vielen Eindrücke, die man hier erlebt, genau niederzuschreiben. Es passiert so viel gleichzeitig, die Ereignisse überschlagen sich und man ist jeden Augenblick neu überrascht was gerade passiert.
Man muss immer wieder versuchen das Beste aus der Situation zu machen.
Aber um alle Naivität auszutreiben, das passiert Tagtäglich so. Wenn ich oder die holländische Ärztin morgen nicht mehr da sind, wird es wieder genauso weiter laufen.
Diese andere Art von Medizin im Krankenhaus kann man sich nicht vorstellen, wenn man es nicht miterlebt.





